Arbeitsaufenthalt im Januar 2019

Bericht von Felix Becker mit Bildern verschiedener Teilnehmer

Am Morgen des 04.01.2019 trafen wir uns am Frankfurter Flughafen, um für 16 Tage in den Senegal aufzubrechen. Wir, das waren in diesem Fall Doris Racké, Cordula Eckenfels, Johanna Becker, Franz Link, Karin Becker und ich(Felix Becker). Nach mehr als 12 Stunden, 2 Plastikmahlzeiten und ein wenig aufrecht sitzendem Dahindämmerns landeten wir südlich von Dakar. Der nächtliche Himmel war schon schwarz, doch sowie wir aus dem klimatisierten Gebäude traten, hieß uns der Kontinent mit warmen Windstößen willkommen, umhüllte uns mit dem trockenen Atem der nach Regen dürstenden Savanne und mit ein wenig Staub, der hier allen die Augen reizte. Die ersten Tage lebten wir uns ein, wechselten Euros in CFAs, feilschten an Straßenständen und kauften im Supermarkt Lebensmittel, Wasser, Stoffe und SIM-Karten. Unsere Fahrer Abdou und Sen gewährleisteten uns unbeschadetes Überstehen des Verkehrschaos, welches eher Voraussicht, Empathie und Kommunikation mit den anderen Fahrern, als die Anwendung von Verkehrsregeln erfordert. Bereits am zweiten Tag standen zwei Frauen vor der Tür der Grundstücksmauer. Beide waren allein-erziehende Mütter mit großen finanziellen Sorgen. Sie wurden gebeten, ins Behindertenzentrum von Mbour zu kommen, wo Reis an Bedürftige verteilt wird. Auch wenn später Personen, meist Frauen, auf uns zukamen und um Unterstützung baten, ist immer bemerkenswert gewesen, wie ruhig und stolz sie trotz ihrer prekären Situation aufgetreten sind. Ob ihnen in der einen oder anderen Weise geholfen werden konnte oder, leider nicht, stets blieben alle höflich und trotz aller verständlichen Eindringlichkeit auf ihre Weise immer sachlich. Im Zentrum in Mbour wurde mitgebrachter und vor Ort gekaufter Stoff abgegeben und einige Tage später in Form fertiger Taschen, Puppen und Decken zum Verkauf in Deutschland abgeholt. Dr. Johanna Becker bot eine Sprechstunde an, hat Medikamente gekauft und an verschiedenen Standorten Vorträge zur Familienplanung und Empfängnisverhütung abgehalten. Eines der tragischsten Phänomene, die mit dem Kinderreichtum einhergehen, sind ohne Zweifel die Talibé. Ähnlich wie bei den mittelalterlichen Klosterschulen schicken Familien überzählige Söhne zu einem Marabou (Imam) in die Koranschule. Manchmal erhalten sie dort tatsächlich eine gute Ausbildung, sie können zur Schule gehen und es ist für sie gesorgt. In Mbour sind es jedoch praktisch Straßenkinder, die ab und zu Koransuren auswendig lernen und ansonsten den Tag damit zubringen, ihr Essen zusammenzubetteln. Viele Familien stellen abends einen Teller mit Essensresten für sie vor die Tür, im Behindertenzentrum wird sauberes Trinkwasser und Zucker an sie verteilt. Ein anderes großes Problem stellen Ehen innerhalb der nahen Verwandtschaft dar, wodurch körperliche und geistige Beeinträchtigungen vermehrt auftreten. Karin Becker hat als Heilpraktikerin viele Kinder behandelt, die meisten davon mit einer Behinderung. Da dieses Jahr keine größeren Projekte umgesetzt werden sollten, lag der Fokus des Aufenthaltes auf der Besichtigung der Einrichtungen, um deren Renovierungsbedürftigkeit festzustellen. Nach vielen Jahren des Bauens ist nun eine Zeit vermehrten Erneuerns gekommen. So auch in Mbour, obgleich die Schneidereien, Schuhmachereien und Kindergärten gut funktionieren, sind hier wie überall kleinere und größere Reparaturen notwendig. In der Annexe des Behindertenzentrums Mbour wurde im Verlauf der zwei Wochen ein Büro für den Behindertenverband und zur Betreuung der Patenschaften eingerichtet. Die Arbeitsbedingungen der Tischler wurden durch eine Umstrukturierung der Werkstatt verbessert. In der Gesundheitsstation im Flüchtlingsdorf Louly Ndia wurde während unseres Besuches gerade eine Impfkampagne an Kleinkindern durchgeführt, außerdem konnten wir einer jungen Mutter zu der gut überstanden Geburt und ihrem wenige Stunden alten Neugeborenen gratulieren. Es war beeindruckend zu sehen, wie selbstverständlich die auf den Rücken der arbeitenden Mütter gebundenen Kinder schlafen konnten und überall hin mitgenommen wurden. Ich war von der Mühelosigkeit beeindruckt, mit der eine Mutterschaft mit dem normalen Arbeitsalltag vereint wurde. Die junge Mutter ging noch am Tag der Entbindung wieder nach Hause. In der Schule von Louly Gang musste der Brunnen tiefer gebohrt werden, um ausreichend Grundwasser zur Verfügung zu stellen. Daneben war der Anstrich der Türen und Fensterläden mit rostfreier Farbe zu erneuern. Der Verein stellte die Farbe zur Verfügung, während die Arbeiten an sich vom Elternbeirat der Schule koordiniert wurden. Im Behindertenzentrum vom Tivavaonne wurde zunächst eine Reunion (Versammlung) abgehalten, da es in der Vergangenheit häufiger zu Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Akteuren der verschiedenen Einrichtungen des Zentrums gekommen war. Das senegalesische Gespräch besticht durch ausgesuchten Respekt allen Beteiligten gegenüber. Jeder darf, bzw. muss aussprechen dürfen und alle Meinungen werden gehört. Auch wenn die eher legere Einstellung zu Pünktlichkeit und effizientem Zeitmanagement bei den meisten Nordeuropäern auf Unverständnis treffen dürfte, in puncto Gelassenheit und Kommunikation auf Augenhöhe gibt es einiges, was unsere westliche Debattenkultur dazulernen könnte. Nachdem in langwierigen Diskussionen ein Kompromiss gefunden worden war, gab die Behindertentanzgruppe eine Aufführung zum Besten. Die pure Lebensfreude der Akteure zeigt, dass man ein Fest auch ohne glamouröses Essen, sondern nur mit ein paar Trommeln ausrichten kann. Einige Tage später trafen wir in den Straßen der Nachbarschaft auf ein ähnliches, wenn auch ganz und gar eigentümliches Ereignis. Eine ausgelassene Versammlung von Frauen, die in einem Stuhlkreis zusammensaßen, lachten und tanzten. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass es sich bei den Damen um die versammelten Hausfrauen der umliegenden Quartiere handelte. Bei regelmäßigen Treffen wie diesem sammelten sie untereinander kleine Geldbeträge ein und verlosten den Spendentopf anschließend an eine von ihnen. So ermöglichen sie sich gegenseitig größere Anschaffungen, unabhängig vom Geld der Ehemänner. Diese Tombola kann vielleicht stellvertretend dafürstehen, wie findig und geschäftstüchtig die meisten Senegalesen trotz ihrer immensen Armut sind. Das Elend, das einem begegnet, mag nicht schön sein, aber es ist tröstlich zu wissen, dass trotzdem eine Form von Alltag möglich ist. Wie extrem die Lebensrealitäten divergieren können, wurde bei einem Besuch von ausgesiedelten Absolventen des Landwirtschaftlichen Ausbildungszentrums Sandiara klar. Weit im Landesinneren, fernab von kühlenden Meeresbrisen war ein großes, hölzernes Ehebett das größtmögliche Statussymbol und eine gewöhnliche Matratze besteht aus mit Stroh gefüllten Hirsesäcken. Was einen als außenstehenden Betrachter verzweifeln lassen könnte, ist die Gewissheit, dass Familie und Vieh bis zur nächsten Regenzeit mit den wenigen vorhandenen Vorräten am Leben gehalten werden muss. Ein Bangen um die Zukunft, das auf ungewissen Witterungsbedingungen beruht. Eine Vorstellung, bei der ich zum ersten Mal ein Ausgeliefertsein an die Natur empfand. Hier kann man es – wie bei uns- sich nicht gestatten, über Renaturierung und Langzeitfolgen von menschlichen Eingriffen nachzudenken. Hier ist die Natur etwas, dem man sich unterwerfen muss. Was Hoffnung spendete, waren die vielen großen Gärten, die durch Brunnenbohrungen auch in der Trockenzeit noch bewirtschaftet werden konnten. Am vorletzten Tag trafen sich die Direktoren der Schulen und die Leiter der Zentren zur abschließenden großen Reunion. Der Lehrer, der in seine Schule eingeladen hatte, hielt eine Vortrag über ganzheitliche Erziehung und beim anschließenden Abschlussessen wurden letzte Anregungen und Vorschläge ausgetauscht, bevor unsere Delegation am nächsten Tag die Heimreise antrat. In den zwei Wochen konnte wieder einiges bewegt, aber auch vieles angestoßen und gesammelt werden, worüber nach der Rückkehr noch nachgedacht und geredet werden muss.