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Die
Entwicklung der Senegalarbeit
Erfahrungen
von gestern - Gedanken und Planungen für morgen
Nur wenige Erfahrungen hatten wir aufzuweisen, als wir am 13. Februar 1985 in
unserem Wohnzimmer in Hofstätten mitten im Pfälzer Wald, den SENEGALHILFE-VEREIN
gründeten. Vor allem waren es medizinische Hilfsgüter mit denen wir bis dahin in dem
Lepradorf Mballing und in dem Heinrich-Lübke-Krankenhaus in Diourbel helfen konnten. Aber
wir waren fest entschlossen, uns persönlich zu engagieren und eine Arbeit zu beginnen,
die sich an den Maßstäben der Entwicklungshilfe messen lässt.
Wir, das waren
zunächst einmal die Gründungsmitglieder unseres Vereins: Paul Brechtel Astrid Diehl, Dr.
Klaus Diehl, Gerhard Jung, Ursula Jung, Joseph Krekeler, Dieter Racke´ Doris Racke´ und
Dr. Walter Reichhold.
Seitdem sind nun
in zehn Jahre vergangen. Ich kann es kaum fassen. Zehn Jahre dicht gefüllten Erlebens
voller Arbeit und Probleme, aber auch eine Zeit der Freude und des Erfolges. Zehn Jahre,
die unser Leben verändert haben. Dabei haben wir das Land Senegal im Westen Afrikas
zunächst nur als Urlaubsland kennen gelernt. Es war im Sommer 1982. Unsere Eindrücke
waren sehr vielschichtig. Da ist zuerst einmal unser Hotel in der Nähe der Stadt Mbour mit seinem westeuropäischen Komfort, mit einem herrlichen
Badestrand und einem großen Freizeitpark. Eine Welt für sich inmitten einer ganz anderen
Welt. Das wird uns klar, als wir uns auf den Weg machen, um Land und Leute in Unserer
Umgebung zu erleben. Tief beeindruckt sind wir von der kargen Landschaft mit den
herrlichen Geheimnis umwobenen Affenbrotbäumen Und den langsam dahin
ziehenden Viehherden.
Darin aber sind es die Menschen, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ihre
farbenprächtigen Gewänder können über die Armut, unter der die meisten leiden, nicht
hinweg täuschen Um so mehr bewundern wir die Fröhlichkeit und die Toleranz, die das
Zusammenleben der Menschen bestimmen. Der Besuch in einem benachbarten Lepradorf
konfrontiert uns mit dem Elend der vom Aussatz betroffenen Menschen. Diese Erfahrung wirkt
in uns nach, bis zum heutigen Tag. Ebenso stark bewegt uns die Frage nach dem Schicksal
der jungen Menschen, die zum größten Teil keine Zukunftsperspektiven haben, und
schließlich beeindruckt uns die Haltung der Frauen, die mit Mut und Ausdauer, aber auch
mit viel Fantasie das Leben ihrer Familien sichern und erhalten.
Auch nach der
Rückkehr aus unserem Urlaub verblassen diese Eindrücke nicht. Im Gegenteil, immer mehr
beschäftigt mich die Frage, wie es möglich wäre, sinnvoll und unmittelbar den Menschen
in Senegal zu helfen. Dabei wird mir bewusst, dass es für mich als Europäerin sehr
schwierig ist, in Geschichte, Kultur, Religion, aber auch in die inneren Strukturen und in
die Mentalität der Menschen eines afrikanischen Landes einzudringen und ihre
Zusammenhänge zu verstehen. Von außen wird dies kaum gelingen. Deshalb erkenne ich darin
eine erste und wichtigste Aufgabe, mit den Menschen vor Ort in ihren eigenen
Lebensbereichen zu leben. So könnte es gelingen, sie kennen
zulernen, mich in ihr Leben
und Denken einzufühlen und zu erfahren, wie sie wirklich sind.
Bei meinen
weiteren Aufenthalten in Senegal stellte es sich heraus, dass ich mit diesen Überlegungen
auf dem richtigen Weg war und so herausfinden konnte, welche Hilfe die Menschen dort am
nötigsten brauchen. Allerdings war ich mir von Anfang darüber im klaren, dass unsere
Hilfe nur dann einen Sinn hat, wenn sie die Empfänger dieser Hilfe in die Lage versetzt,
sich selbst helfen zu können. Daraus entwickelt sich konsequent unsere Zielvorstellung:
Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Dabei hat sich schon bald gezeigt, dass
wir
unsere Kräfte nicht in der Einzelfallhilfe verzetteln dürfen, sondern auf Maßnahmen
konzentrieren müssen, die möglichst vielen Menschen zugute kommen.
Mit diesen
grundsätzlichen Erkenntnissen gehen wir an die Arbeit und sammeln erste wichtige
Erfahrungen im Bereich humanitärer Hilfe, die der medizinischen Versorgung der
Leprakranken und der Krankenhauspatienten gilt. Die Begegnung mit Khady, einer jungen
behinderten und sozial engagierten Frau, führt zu einer neuen, entscheidenden
Weichenstellung unserer Arbeit. Noch klingen mir ihre Worte herausfordernd in den Ohren:
"Bisher habt ihr euch um Kranke und Lepröse gekümmert. Jetzt ist es an der Zeit,
dass ihr etwas für die Behinderten tut." Aus dieser provozierenden Bemerkung
sind
zwei Behindertenzentren entstanden, im Jahr 1988 in Mbour und ein
Jahr später in dem 70 km entfernt liegenden Thies. Wie schwierig
die Lage behinderter Menschen in Senegal ist, kann man auch daran erkennen, dass
die von
uns errichteten Behindertenzentren die ersten Einrichtungen dieser Art im ganzen Lande
sind. Hier werden Behinderte nicht nur betreut, sondern sie haben die Möglichkeit, in den
angeschlossenen Werkstätten als Schneider, Schuhmacher, Buchbinder oder Mechaniker
ausgebildet zu werden und damit die Grundlage für eine eigene Existenz zu bekommen. In Mbour ist mit dem
Behindertenzentrum ein kleines Wohnheim verbunden,
das junge Männer aufnimmt, die wegen ihrer Behinderung auf eine Unterkunft in
unmittelbarer Nähe zur Ausbildungsstätte angewiesen sind. Zur Gestaltung der Freizeit
und der Förderung des kulturellen Lebens steht jeweils ein Mehrzwecksaal zur Verfügung.
Dort können auch die Trommel-, Tanz- und Theatergruppen und der Behindertensport ihre
Aktivitäten entfalten. Die Besucher unserer Projekte sind immer wieder tief beeindruckt
von dem Engagement und der Leistungsfähigkeit der zum Teil schwerstbehinderten jungen
Menschen. Mit großer Dankbarkeit beobachten und erleben wir, wie die Behinderten eine
Atmosphäre der Lebensfreude und des friedlichen Miteinanders schaffen und nicht zuletzt
ihr individuelles und ihr gemeinsames Leben mit einem großen Verantwortungsgefühl
gestalten.
Die beiden
Behindertenzentren haben ganz bewusst in ihr Konzept auch Angebote einbezogen, die über
den Kreis der Behinderten hinausgehen. Da sind die Hauswirtschaftsklassen, die in Form
einer Berufsschule junge Mädchen mit allen Kenntnissen und Fertigkeiten häuslicher
Arbeit einschließlich Hygiene und Ernährungslehre vertraut machen. Dies ist gerade für
die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in den meistens sehr armen Familien von
großer Bedeutung. Hier sind auch die beiden Kindergärten mit insgesamt 150 Plätzen zu
erwähnen, die eine wichtige Erziehungsarbeit im Vorschulalter leisten und damit indirekt
auch die Familien fördern. Die Einrichtung einer Krankenpflegestation, einer Lehrküche
und eines Frisiersalons sowie der Bau eines Verkaufskioskes für Produkte aus der
Schneiderwerkstatt runden das Angebot des Behindertenzentrums in Mbour
auf sinnvolle Weise ab.
Die Erfahrungen,
die wir mit dem Bau, der Einrichtung und der Entwicklung der Arbeitsstrukturen in den
beiden Behindertenzentren in Mbour und Thies
gemacht haben, gaben uns Mut und neue Ideen für Projekte anderer Art, die immer
deutlicher unsere Zielsetzung "Hilfe zur Selbsthilfe" erkennen ließen. Dazu
braucht man offene Augen, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, mit den jeweils
betroffenen Menschen Erfolg versprechende Wege zu gehen. Eine Grundvoraussetzung besteht
darin, dass sich die Zielgruppen mit den Projekten identifizieren können. Nur wenn die
Menschen, an die wir denken, ein Projekt wirklich wollen, besteht auch die Aussicht,
dass sie später bereit und in der Lage sind, die Arbeit möglichst selbständig zu
übernehmen. Aus dieser Erkenntnis entstanden die nächsten größeren Projekte. In der
Marmeladefabrik lernen die Frauen, aus den einheimischen Früchten (Mangos, Orangen,
Mandarinen, Bissap, Gouaven, Tamarin) eine schmackhafte Marmelade herzustellen, sie
hygienisch einwandfrei in Gläser abzufüllen und mit Etiketten zu versehen. Nur so ist es
möglich, die Produkte zu vermarkten, das heißt vor allem, Hotels zu beliefern. Für die
einzelnen Familien haben noch größere Bedeutung die Gartenbauprojekte, die den Anbau von
Gemüse ermöglichen und damit die Grundlage einer ausreichenden und gesunden Ernährung
abgeben. 1990 haben wir damit in Sidi-Bougou begonnen. Hoch ragt der Wasserturm mit
seinem Windrad wie ein Symbol über dem zwei 1 Hektar großen Gartenland. Aber gerade hier
müssen wir einsehen: von alleine läuft nichts. Die Dorfbewohner müssen immer wieder zur
kontinuierlichen Arbeit aktiviert, das heißt von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns überzeugt
werden.
Die Erfahrungen,
die uns die Bohrung von Brunnen und die Anlage von Gärten vermitteln, führen zu dem
bislang größten Projekt, das der SENEGALHILFE-VEREIN im Jahr 1993 abschließen kann. In
der Nähe eines alten Dorfes entsteht, 20 km von Mbour entfernt, das Flüchtlingsdorf Louly-Ndia mit festen Häusern für dreißig
Familien, die infolge der politischen Unruhen ihre Wohnsitze in Mauretanien verlassen
mussten. In Verbindung mit einem Tiefbrunnen wird ein Hochbehälter mit 40 cbm
Fassungsvermögen aufgestellt und eine 300 m lange Wasserleitung verlegt. Damit ist die
Wasserversorgung des Dorfes und des vier Hektar großen Gartenlandes sichergestellt.
Außerdem werden 30 Hektar Ackerland planiert und urbar gemacht. Hier wird inzwischen der
traditionelle Hirse- und Erdnussanbau betrieben. Dies alles sind wichtige Voraussetzungen
für eine ausreichende Lebensgrundlage der Dorfbewohner. Dem Dorf ist eine Schule
angegliedert, die längst zu klein geworden ist. Außerdem gibt es eine
Krankenpflegestation, die von einer ausgebildeten Hebamme und Krankenschwester betreut
wird. Für die Arbeit mit den Frauen steht ein besonderer Saal zur Verfügung, in dem
Näh- und Batikunterricht erteilt wird, aber auch Kurse zur Alphabetisierung der Frauen
stattfinden. Wir sind stolz darauf, dass insgesamt ein blühendes Dorf entstanden ist, das
als erstes Flüchtlingsdorf in Senegal Modellcharakter hat. Gerade dieses Projekt zeigt,
dass es unerlässlich ist, zunächst einmal die wirtschaftlichen Grundlagen zu schaffen
und eine entsprechende Infrastruktur zu entwickeln. Doch in gleicher Weise müssen wir
darauf bedacht sein, die Integration der Flüchtlinge in die alten Nachbardörfer zu
fördern und für das friedliche Zusammenleben im Flüchtlingsdorf einzutreten. Letzten
Endes tragen aber nun die gewählten Vertreter des Dorfes, an der Spitze der Präsident,
die Verantwortung für die weitere Entwicklung dieses kleinen Gemeinwesens.
In der Nähe des
Flüchtlingsdorfes wird nun ein weiteres Gartenbauprojekt (Louly
II) gestartet. Auf vier Hektar Fläche werden hier weitere Flüchtlingsfamilien aus
Mauretanien, zusammen mit Einheimischen, wichtige Lebensvoraussetzungen finden. Louly III nimmt auch festere Formen an. Hier entsteht eine
Gartenbauschule, die mit ihren Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten in allen
einschlägigen Fragen des Gartenbaus eine spürbare Lücke schließen wird. Im übrigen
wird uns in nächster Zeit das Haus der Behinderten beschäftigen, das in unmittelbarer
Nähe zu dem Behindertenzentrum in Mbour entstehen und eine Ausdehnung und Vertiefung der
Arbeit mit den Behinderten bringen wird.
Im
Februar 1994 bin ich von meinem 34. Arbeitsaufenthalt in Senegal
zurückgekommen, müde, aber auch mit dem Gefühl großer Dankbarkeit für das
Gelingen unserer Projekte. Seit mehr als zehn Jahren fliege ich dreimal pro Jahr
nach Senegal und arbeite dort jeweils mehrere Wochen. Auch die meisten meiner
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind mindestens einmal jährlich in Senegal.
Ohne diesen gemeinsam getragenen Einsatz wäre eine erfolgreiche Durchsetzung
unserer Arbeit und eine kontinuierliche Betreuung unserer Objekte nicht möglich
gewesen. So gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mein herzlicher Dank,
vor allem Ursula jung, der stellvertretenden Vorsitzenden, die von der ersten
Stunde an dabei ist. Sie alle haben große Bereitschaft zum Engagement
mitgebracht, vorhandene Fähigkeiten weiterentwickelt und auch in neuen Aufgaben
Kompetenz erworben. Unsere Erfahrungen geben uns Mut, neue Projekte in Angriff
zu nehmen. Dies um so mehr, als es uns gelungen ist, im Lauf der Jahre
qualifizierte senegalesische Mitarbeiterinnen Lind Mitarbeiter zu gewinnen, die
fähig sind, in unseren Projekten Leitungsaufgaben zu übernehmen. Sie sind es
auch, die bei der Planung und Vorbereitung neuer Projekte eine unverzichtbare
Rolle spielen und gerade in der Zeit meiner Abwesenheit an meiner Stelle tätig
werden. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen einer fairen und
partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Hier gilt mein besonderer Dank Frau Khady
Gue`ye, Herrn Marnadou Sokluia Lind Herrn Cheikh Ndiaye.
Am
Ende meiner Überlegungen kann der Eindruck entstehen, dass die Erfahrungen von
gestern mehr Gewicht haben als die Gedanken und Planungen für morgen.
Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass unsere Arbeit von Anfang an nicht am
Schreibtisch entworfen wurde, sondern in der Begegnung mit Menschen, im Erkennen
ihrer Probleme und im Eingehen auf ihre Bedürfnisse entstanden ist. Wir wollen
auch weiterhin aus den Erfahrungen unserer Projekte lernen und daraus immer
wieder aufs neue die Konzeption für unsere nächsten Schritte entwickeln. Ich
bin guten Mutes, dass wir auch in Zukunft zu einer hoffnungsvollen Entwicklung
in Senegal beitragen können. Wir haben erfahren, dass es sich lohnt, dem Land
und den Menschen zu helfen. Es lohnt sich auch für uns Ich weiß, dass ich
nicht allein stelle, wenn ich sage: Mein Leben in zwei Welten ist nicht
leichter, aber um vieles reicher geworden. So blicke ich in großer Dankbarkeit
auf die vergangenen zehn Jahre zurück. Dankbar auch dafür, dass Gottes Schutz
und Segen unsere Arbeit begleitet haben.
Doris Racke´ |