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Festschrift zum 15jährigen Bestehen des Senegalhilfe - Vereins e.V. 1985 - 2000 _____________________ |
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Vorwort
Mehr als 15 Jahre sind
seit der Gründung des Senegalhilfe-Vereins e. V.
am 13. Februar 1985 vergangen. Nach der Satzung hat sich der
Verein die Aufgabe gestellt, „hilfsbedürftigen Menschen in Afrika zu
helfen“. Seit den ersten Anfängen unserer Arbeit in Senegal versuchen
wir, diese Aufgabe mit Leben zu erfüllen.
15 Jahre, das ist keine
lange Zeit. Aber es gibt Lebensbereiche, in denen die Jahre doppelt und
dreifach zählen. Dazu gehört auch die Entwicklungshilfe, in der keine
Zeit zu versäumen ist.
Das 15-jährige Bestehen
des Senegalhilfe-Vereins lässt uns zurückschauen und die Wege, die wir
gegangen sind, überdenken. Mit dieser Festschrift möchten wir über
unsere Arbeit informieren, um neue Förderer zu gewinnen, zugleich aber
auch den Freundinnen und Freunden Rechenschaft geben, die uns, zum Teil
schon sehr lange, durch ermunternde Worte und Spenden unterstützen.
Wir haben in diesen 15
Jahren viele Projekte verwirklicht. Einige haben uns Sorgen gemacht,
aber die meisten sind gut gelungen. Zu nennen sind vor allem die
Behinderteneinrichtungen, die Schulen und Kindergärten, Ausbildung im
Bereich der Landwirtschaft, Existenzgründungen für unsere ehemaligen
Schüler und Lehrlinge und nicht zu vergessen die Unterstützung von
Frauen durch entsprechende Projekte. Dies wäre nicht möglich, wenn der
Senegalhilfe-Verein e. V. nicht mit der tatkräftigen Unterstützung von cirka 1800
Einzelpersonen und Institutionen rechnen könnte. Allein im Jahr 1999
belief sich das Spendenaufkommen auf insgesamt 376.700,00 DM.
Ich nehme auch hier die
Gelegenheit gerne wahr, allen herzlich zu danken, die uns bisher mit
ihren Spenden so treu und zuverlässig geholfen haben. Wir hoffen, dass
wir weiterhin mit einer so großen Hilfsbereitschaft rechnen können.
Seit vielen Jahren
werden Projekte des Senegalhilfe-Vereins e. V.
durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung finanziell gefördert. Bisher haben wir Zuschüsse
in einer Gesamthöhe von 2.003.380,00 DM erhalten. Wir sind dafür sehr
dankbar. Auch aus dem Grußwort von Frau Staatssekretärin
Dr. Uschi Eid ist zu ersehen, dass der Senegalhilfe-Verein e. V.
als Nichtregierungsorganisation
öffentliche Anerkennung findet. Wir freuen uns, dass auch in den
anderen Grußworten unsere Arbeit
anerkennend gewürdigt wird.
Der Einsatz in und für
Senegal wäre nicht möglich, wenn nicht viele Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern hier und dort
mit großem persönlichem Engagement die Arbeit gestalten und mittragen
würden. Ich danke allen, dass sie sich so selbstlos zur Verfügung
stellen. Mein besonderer Dank gilt den beiden Mitarbeiterinnen
im Vorstand, der stellvertretenden Vorsitzenden Ursula Jung und
Astrid Diehl, der Schatzmeisterin. Seit 15 Jahren hat sich die
Zusammensetzung im Vorstand nicht geändert. Dies ist ein Zeichen guter
Zusammenarbeit und der Wertschätzung der geleisteten Arbeit.
Schließlich danke ich
Ursula Jung und Helga Greiner-Kober für die Interviews und Dekan i. R.
Karl Heinrich Beck für den Beitrag über das landwirtschaftliche
Ausbildungszentrum in Sandiara und seine Zusammenhänge mit den
Zielvorstellungen der Entwicklungshilfe.Ihm haben wir auch die Redaktion
und die Herausgabe dieser Festschrift zu verdanken.
Für die weitere Arbeit
des Senegalhilfe-Vereins e. V. wünsche ich eine segensreiche
Entwicklung, die uns allen Mut macht für die Zukunft.
Doris Racké
Vorsitzende des
Senegalhilfe-Vereins e. V. _________________________________________________ |
15 Jahre Senegalhilfe-Verein - Es geht um die Zukunft
Auf der EXPO 2000 in Hannover ist in der großen
Afrika-Halle unter 44 Teilnehmern auch Senegal vertreten. Unser
Partnerland hat für seine Vorstellung auf der Weltausstellung einen
guten Einfall gehabt. Gleich beim Betreten der Ausstellungsfläche fällt
der Blick auf das Modell eines Dorfes und der optisch hervorstechenden
Überschrift „Le Village du Futur“, das Dorf der Zukunft. Damit wird
eines der großen Themen der notwendigen Entwicklung in Senegal
angesprochen und dargestellt. Das Dorf der Zukunft soll dem Leben in den
ländlichen Regionen bessere Chancen geben und vor allem junge Menschen
vor der Flucht in das Elend der Großstadt bewahren. Das Modell zeigt,
wie das Dorf der Zukunft aussehen soll: Feste Häuser lösen die Strohhütten
ab, die der Regenzeit auf Dauer so schlecht standhalten können. Eine
Schule und eine Krankenpflegestation sind eingeplant. Im Zentrum liegt
ein Öffentlicher Platz mit dem sogenannten Palaverbaum, unter dessen
Schatten die Diskussionen der Dorfbewohner stattfinden. Daneben ist ein
Einkaufszentrum vorgesehen, das ja auch aus einem kleinen Markt bestehen
kann. Die Versorgung mit Trinkwasser und Elektrizität gehört ebenso
dazu wie die Planung eines festen Wegenetzes, das die Häuser
miteinander verbindet.
Ich bin sehr beeindruckt von dieser Vision eines Dorfes der
Zukunft. Zugleich denke ich an unser Flüchtlingsdorf Louly-Ndia, das in
den Jahren 1992 und 1993 entstanden ist. Haben wir nicht damals schon
begonnen, die Zukunft vorwegzunehmen, indem wir wesentliche Teile des
auf der EXPO 2000 vorgestellten Projektes verwirklicht haben: die festen
Häuser, die dennoch afrikanische Tradition wahren, die Gesundheitsfürsorge,
die Schule, der
Palaverplatz und das Dorfgemeinschaftshaus, die Versorgung mit
Trinkwasser, die Hirsemühle der Frauen und die Plantage mit dem
Tiefbrunnen? Jetzt wird es bestätigt, dass wir in Louly-Ndia schon seit
sieben Jahren auf dem Weg in die Zukunft sind. Darüber können sich
alle freuen, die die Arbeit des Senegalhilfe-Vereins unterstützen.
Zugleich ist mir aber bewusst, dass auch in Louly-Ndia noch einige
Probleme zu lösen sind. Dazu gehört auch die Frage, ob nicht die
Bewohner des Dorfes, die in ihrem Herkunftsland Mauretanien nur zum Teil
Bauern waren, durch eine bessere und längere fachliche Beratung noch
mehr motiviert werden und erfolgreicher arbeiten können. Immerhin
stehen hier 30 Hektar Ackerland zur Verfügung. Die bisherigen
Erfahrungen zeigen auch, dass damit eine hervorragende Voraussetzung für
den Anbau aller denkbaren Gemüsesorten gegeben ist, deren Verkauf keine
grundlegenden
Schwierigkeiten bereitet. Die Schule mit ihren
drei Gebäuden, an die jeweils eine Lehrerwohnung angeschlossen ist, hat
eine gute Entwicklung genommen. Der Schulleiter hat sich mit Erfolg um
die Gestaltung der Anlage und des Schulgartens bemüht. Ein
traditioneller Brunnen mit
einer handbetriebenen Pumpe zeigt den Schülern beispielhaft, wie man
aus eigener Kraft wesentliche Voraussetzungen
für den Gartenanbau schaffen kann. Auch die Frauen des Dorfes
bebauen einen großen Garten. Zusammen mit den Erträgen der Hirsemühle
schaffen sie sich damit eine zusätzliche Einnahmequelle für die Bedürfnisse
der Familien. Mit seinen 30 Wohnhäusern, in denen rund 500 Menschen
leben, ist Louly-Ndia insgesamt ein blühendes Dorf geworden. Es hat als
erstes Flüchtlingsdorf in Senegal Modellcharakter und bleibt ein Dorf
der Zukunft.
Es geht um die Zukunft, auch wenn wir im Jahr
2000 auf 15 Jahre Senegalhilfe-Verein zurückschauen. Die vielen
Stationen auf dem Weg der Vergangenheit interessieren uns vor allem
deshalb, weil sie meistens Ausgangspunkte
für zukünftige Entwicklungen in unserer Arbeit waren. Von vielen der
rund 65 Projekte wissen wir, dass sie sich aus den Erfahrungen und Anstößen
vorausgegangener Projekte entwickelt haben. Dies gilt auch für die
ersten Anfänge im Sommer1982, als wir in Senegal an der Atlantikküste
Urlaub machten. Es war ein wunderschöner Urlaub, aber wir
entdeckten auch die ganz andere Welt draußen vor den Toren des
Hotelareals. Ich kann hier eigentlich nur wiederholen, was ich in der
Festschrift von 1995 an Eindrücken wiedergegeben habe: „Tief
beeindruckt sind wir von der kargen Landschaft und den herrlichen
geheimnisumwitterten Affenbrotbäumen und den langsam dahinziehenden
Viehherden. Dann aber sind es die Menschen, die unsere Aufmerksamkeit
auf sich ziehen. Ihre farbenprächtigen Gewänder können über die
Armut, unter der die meisten leiden, nicht hinwegtäuschen. Umso mehr
bewundern wir die Fröhlichkeit und die Toleranz, die das Zusammenleben
der Menschen bestimmen. Der Besuch in einem benachbarten Lepra-Dorf
konfrontiert uns mit dem Elend der vom Aussatz betroffenen Menschen.
Diese Erfahrung wirkt in uns nach bis zum heutigen Tag. Ebenso stark
bewegt uns die Frage nach dem Schicksal der jungen Menschen, die zum größten
Teil keine Zukunftsperspektiven haben, und schließlich beeindruckt uns
die Haltung der Frauen, die mit Mut und Ausdauer, aber auch mit viel
Fantasie das Leben ihrer Familien sichern und erhalten“. Zusammen mit
meinen Freunden habe ich überlegt, wie wir in dieser Situation helfen könnten.
So haben wir in den Anfangsjahren kofferweise Verbandsmaterial und
Medikamente für das Lepra-Dorf Mballing nach Senegal gebracht. Auch
einigen Krankenhäusern haben wir mit Medikamenten und medizinischen Geräten
geholfen. Unsere Hilfsaktionen sprachen sich herum, und eine Folge war
die, dass immer mehr Menschen vor unserer Tür standen und Hilfe in
allen möglichen Situationen erwarteten. Sehr schnell mussten wir
erkennen, dass wir mit unseren Mitteln und Möglichkeiten bald am Ende wären,
wenn wir unsere Arbeit allein auf Maßnahmen der humanitären Hilfe und
hier besonders auf Einzelfallhilfen beschränken würden. Aus diesen
kritischen Überlegungen ergab sich ein intensives Nachdenken über die
Ziele einer längerfristig angelegten Hilfe in Senegal. Für mich selbst
war dabei wichtig, die Situation der Menschen vor Ort besser kennen zu
lernen. Schon bald gab es viele Kontakte. Ich hörte geduldig zu,
stellte viele Fragen und lernte auf diese Weise, was die Menschen
innerlich beschäftigt und welche Probleme sie haben. So habe ich
begonnen, die Mentalität der Senegalesen zu verstehen und bin damit bis
heute immer noch eine Lernende geblieben. Die Erfahrung aus diesen Gesprächen
und Begegnungen hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass unsere
Hilfe in Senegal nur dann einen Sinn hat, wenn sie die Empfänger dieser
Hilfe in die Lage versetzt, sich selbst helfen zu können. Damit
befinden wir uns bis zum heutigen Tag in Übereinstimmung mit der
entwicklungspolitischen Zielsetzung, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
Zur gleichen Zeit haben wir uns in Deutschland
klargemacht, dass wir die Arbeit nicht auf der Basis eines privaten
Freundeskreises weiterführen können. Am 13. Februar 1985 haben wir den
Senegalhilfe-Verein e. V. gegründet und waren damit in der Lage,
Spendenbescheinigungen auszustellen. Die Gründungsmitglieder von damals
stehen heute noch hinter unserer Arbeit und sind zum größten Teil auch
in der praktischen Durchführung engagiert. Es sind dies: Paul Brechtel,
Astrid Diehl, Dr. Klaus Diehl, Gerhard Jung, Ursula Jung, Joseph
Krekeler, Dieter Racké, Doris Racké
und Dr. Walter Reichhold.
Besonders folgenreich war für mich persönlich
und für unsere Arbeit in Senegal die Begegnung mit Khady Gueye, einer
jungen behinderten und sozial engagierten Frau. Ihre beharrliche
Forderung, dass der Senegalhilfe-Verein endlich etwas für die
Behinderten tun müsse, wirkte bei uns zunächst wie eine Provokation,
der wir uns nicht beugen wollten. Aber dann spürten wir, dass dahinter
ein Mensch stand, der sich mit ganzem Herzen und mit allen Kräften für
eine große Gruppe zum Teil schwerst Behinderter einsetzte, die keine
Lobby im Land hatten. Khady überzeugte uns und wir begannen 1988 mit
dem Bau eines Behindertenzentrums in Mbour. Ein Jahr später entstand
ein weiteres Behindertenzentrum in der Stadt Thiès. Das dritte
Behindertenzentrum wurde im Jahr 1999 in der Stadt Tivaouane
fertiggestellt. Der Bau eines vierten Behindertenzentrums wird möglicherweise
im nächsten Jahr folgen. Der Senegalhilfe-Verein e. V. hat damit
eindeutig einen Schwerpunkt in der Behindertenarbeit geschaffen. Diese
Einrichtungen haben in Senegal Pilotfunktion, da es im ganzen Land keine
Behindertenzentren dieser Art gibt. In allen drei Zentren gehört zur
Grundstruktur das Angebot einer handwerklichen Ausbildung. Die Erfahrung
lehrt, dass diejenigen, die ein Handwerk erlernt und eine Abschlussprüfung
abgelegt haben, leichter eine berufliche Tätigkeit finden oder sich
sogar selbständig machen können. Wir haben in unseren Zentren Werkstätten
für Schneider, Schuhmacher, Schreiner, Schlosser und Rollstuhlbauer,
Buchbinder und Batik eingerichtet. Zum Teil werden Waren hergestellt,
die dann auf Weihnachtsmärkten und bei Gemeindefesten in Deutschland
verkauft werden. Oder aber die Schlosserei und die Schreinerei erhalten
Aufträge für Baumaßnahmen, die der Senegalhilfe-Verein durchführt.
Dadurch entsteht ein wirtschaftlich sinnvoller Kreislauf, der darüber
hinaus ein Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Mitarbeitern in
den verschiedenen Projekten schafft.
Eine besondere Einrichtung entstand 1996 in
Mbour, als wir in der Nähe des Behindertenzentrums eine Annexe bauten,
in der unter anderem eine orthopädische Abteilung eingerichtet wurde.
Seitdem hält dort der Facharzt für Orthopädie Dr. Cheikh Guindo aus
Dakar mehrere Male im Monat Sprechstunde, die immer großen Zuspruch
findet. Für Massagen und Krankengymnastik steht eine Krankenschwester
zur Verfügung. Mit der Praxis ist eine moderne orthopädietechnische
Werkstatt verbunden. Die beiden Orthopädietechniker stellen auf
Anweisung des Arztes alle erforderlichen orthopädischen Hilfsmittel her
und ein eigens ausgebildeter Schuhmacher sorgt für die Herstellung
orthopädischer Schuhe. Dank unserer Orthopädie in Mbour wird den
Patienten die mühsame und auch teure Reise nach Dakar erspart.
Allerdings kann sich eine solche Einrichtung in einem Land, das keine
soziale Pflichtversicherung kennt, nicht selbst tragen. Die Patienten müssen
zwar einen kleinen Beitrag für die Behandlung bezahlen, aber die Orthopädie
ist und bleibt auf lange Sicht ein Zuschussbetrieb. Sie ist bitter
notwendig für die Behinderten, aber sie lebt von den Spenden derer, die
ein Herz für die vielen hilfsbedürftigen Menschen haben. Wir sind sehr
dankbar, dass der Rotary-Club Kaiserslautern-Kurpfalz die orthopädische
Abteilung in Mbour zum Service-Projekt gemacht hat und uns schon seit
drei Jahren durch jährliche Zuschüsse von jeweils 10.000,00 DM eine
qualifizierte Behandlung der Patienten ermöglicht.
Zu der Konzeption unserer Behindertenzentren gehören
noch drei weitere Bereiche, die über die Bedürfnisse behinderter
Menschen hinausgehen. Aus dem pädagogischen Bereich sind hier die
Kindergärten zu nennen, die großen Anklang finden, und die
Hauswirtschaftsklassen, die den jungen Mädchen nach Abschluss der
Volksschule die Möglichkeit bieten, sich Kenntnisse und Fertigkeiten für
den Haushalt und die Familie anzueignen. Der Gesundheitsfürsorge dienen
die Krankenpflegestationen, die mit Fachkräften besetzt sind und vielfältige
Hilfe leisten. In diesem Zusammenhang sei auch die Dispensaire in dem
Lepra-Dorf Peycouck bei Thiès erwähnt, die der Senegalhilfe-Verein
saniert hat und seit vielen Jahren betreut. In den Behindertenzentren
gibt es schließlich auch einen musisch-kulturellen Bereich, zu dem die
Trommler-, die Tanz- und Theatergruppen zu
zählen sind. Behinderte und Nichtbehinderte wirken hier zusammen
und bieten in atemberaubenden Aufführungen
urwüchsige afrikanische Folklore. Insbesondere die Troupe théatrale in
Mbour hat große Erfolge und wurde bereits zu internationalen
Veranstaltungen in den USA und in Frankreich eingeladen.
Insgesamt haben die Behindertenzentren eine
erfreuliche Entwicklung genommen. Sie fördern die Integration der
Behinderten, stärken ihr Selbstbewusstsein und vermitteln eine
Ausbildung, die schon in einigen Fällen mit finanzieller Unterstützung
des Senegalhilfe-Vereins zu Existenzgründungen (Schneider- und
Schuhmacherwerkstätten, Verkaufskioske u. a.) geführt hat. Diese
Entwicklung wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht tüchtige
senegalesische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die
Leitungsfunktionen gefunden hätten. So hat Khady Gueye die Arbeit in
Mbour vorbildlich geprägt. Es hat uns sehr getroffen, als sie 1995 tödlich
verunglückte. Aber ihr bisheriger Mitarbeiter Mamadou Fall trat an ihre
Stelle und hat an seiner Seite den erfahrenen Ndiouga Ndiaye. Das
Zentrum in Thiès leitet sehr ideenreich die Sozialarbeiterin Aida Gueye,
während in Tivaouane Aziz Diop und Madame Aidara noch mit dem Aufbau
des dortigen Zentrums beschäftigt sind, aber bereits erste Erfolge
verbuchen können.
Ohne zu übersehen, dass die Instandsetzungen und
Neubauten von Schulen in der Reihe unserer Projekte eine hervorgehobene
Rolle spielen, bringe ich abschließend unsere Marmeladenfabrik in Mbour in
Erinnerung. Sie besteht seit 1989 und wird von einer Gruppe von Frauen
betrieben. Im Jahr 1998 wurde sie in ein Haus im Stadtzentrum verlegt.
Marmelade und Sirup, die aus heimischen Früchten hergestellt werden,
finden in den Ferienhotels guten Anklang. Allerdings ist es manchmal für
die Frauen gar nicht so leicht, Daueraufträge zu finden. Aber sie sind
immer frohen Mutes und arbeiten bis in die Nacht, wenn größere Aufträge
kommen. In der Entwicklungshilfe insgesamt, in der Arbeit des Senegalhilfe-Vereins und in jedem unserer Projekte geht es um die Zukunft und damit um die Frage, ob das, was wir heute für die Menschen in dem unterentwickelten Teil der Erde tun, auch morgen noch eine Zukunft hat. Wir beobachten mit großer innerer Anteilnahme, dass in unseren Projekten die wirtschaftliche Unabhängigkeit wächst. Die Einnahmen in den Werkstätten, die Beiträge in den Kindergärten und in den Hauswirtschaftsklassen, die Kostenbeteiligung in den Krankenpflegestationen und die Verkaufserlöse aus der landwirtschaftlichen Produktion ermöglichen die Finanzierung des laufenden Bedarfs. Allerdings werden unsere Zentren auch in Zukunft überfordert sein, wenn außerordentliche Belastungen auf sie zukommen. Dazu gehören alle größeren Renovierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen der Gebäude, von Umbau- und Erweiterungsarbeiten ganz abgesehen. Auch für die in den Werkstätten von Zeit zu Zeit erforderlichen Investitionen werden die vorhandenen Mittel nicht ausreichen. Deshalb brauchen wir eine langfristige und eine vom Senegalhilfe-Verein e. V. unabhängige Lösung für die finanzielle Absicherung der großen Projekte. Aus diesem Grund haben wir am 9. August 2000 die Senegalhilfe-Stiftung gegründet. Nach unseren Berechnungen brauchen wir ein Stiftungskapital von mindestens 1 Million DM. Das Gründungskapital von 152.000,00 DM ist innerhalb kurzer Zeit auf rund 180.000,00 DM gestiegen. Die Senegalhilfe-Stiftung ist im Augenblick unsere dringlichste Zukunftsperspektive. Allerdings haben wir die große Sorge, dass neben dieser notwendigen Initiative die finanzielle Unterstützung der normalen Arbeit des Senegalhilfe-Vereins leiden könnte. In allem, was wir tun, geht es um die Zukunft von Menschen, die ohne unsere Hilfe zu wenig Zukunft haben. _________________________________________________ |
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Sandiara und die globalen Zusammenhänge der
Entwicklungspolitik
Unzählige Male sind wir in den letzten Jahren von unserem Stützpunkt in Mbour nach Sandiara gefahren. Die 25 km lange Strecke auf der Nationalstraße nach Kaolack bereitet mit ihren großen Schlaglöchern absolut kein Vergnügen. Was Freude macht, liegt am Rande des Weges. Eindrucksvoll liegt die stattliche Reihe unserer Projekte vor unseren Augen. Wir fahren vorbei an dem Flüchtlingsdorf Louly-Ndia, werfen schnell mal einen Blick auf das Gartenbauprojekt Garage Ndiakhèr und erreichen kurz vor dem Städtchen Sandiara unser neuestes Projekt. Wie ein Idyll liegt das landwirtschaftliche Ausbildungszentrum mit dem zarten Grün aufgehender Saaten und dem viel kräftigeren Grün der Pflanzungen, vermischt mit dem Rot und Gelb der reifenden Früchte, vor uns. Das friedliche Bild wird abgerundet durch die harmonisch eingefügten Gebäude und durch die Menschen, die dort arbeiten, lernen oder lehren.
Nach
einer langen Planungs- und Bauzeit konnte hier am 1. November 1999 der
Betrieb aufgenommen werden. Ganz nüchtern gesagt, das Zentrum in
Sandiara wird Lern- und Tatort einer Entwicklungshilfe bleiben, die der
Konzeption des Senegalhilfe-Vereins entspricht und sich zugleich
konfrontieren lässt mit den großen Veränderungsprozessen nationaler
und internationaler Entwicklungspolitik.
Der Senegalhilfe-Verein kann sich hier nicht zurückziehen. Er
wird sich der Diskussion stellen und Konsequenzen für seine Arbeit
bedenken. In diesem Zusammenhang ist auch die Entscheidung des Vereins
im Jahr 1998 zu sehen, Mitglied in dem „Verband Entwicklungspolitik
deutscher Nichtregierungsorganisationen e. V. „
(VENRO) zu werden.
Dieser Verband zählt rund 100 Mitglieder, unter ihnen auch große
Organisationen wie Brot für die Welt, Deutscher Caritas-Verband,
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband oder Deutsche Welthungerhilfe
und andere. VENRO dient der Information und Meinungsbildung in den
wichtigsten entwicklungspolitischen Fragen, vertritt die gemeinsamen
Interessen seiner Mitglieder und fördert den Dialog zwischen
Nichtregierungsorganisationen und den staatlichen Stellen, der Europäischen
Union und internationalen Organisationen. Auf diese Weise wird auch der
Senegalhilfe-Verein e. V. in die jeweils aktuelle Diskussion der
Entwicklungspolitik einbezogen.
Besonders
informativ sind für uns die Beiträge in einer Zeitung zur
VENRO-Europaratskampagne mit dem Titel „Globalisierung ohne Armut“.
Globalisierung ist heute ein Schlagwort. Zunächst einmal wird darunter
die weltweite Entwicklung der Wirtschaft verstanden. Dazu gehören;
weltweite Zusammenschlüsse großer Unternehmen und die internationale
Konkurrenz um niedrige Lohn- und Produktionskosten. Meistens wird
Globalisierung nur ökonomisch verstanden: als fortschreitende
internationale Verflechtung von Handel, Produktion und Geldverkehr.
Damit werden von seiten der Wirtschaft große Erwartungen verbunden, die
darin gipfeln, dass weltweit weniger Armut und mehr Wohlstand für alle
erreicht würden. Die Tatsachen widersprechen diesen Erwartungen. Dr.
Thonas Fues nennt in der VENRO-Zeitung folgende Fakten: „Not und Armut
in der Welt nehmen zu. Nach neuesten Angaben der Weltbank lebten 1998
weltweit 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Entbehrung. Im Süden
stirbt jedes zehnte Kind, bevor es fünf Jahre alt wird. In Deutschland
liegt die entsprechende Quote bei 0,5 %. Rund 1,3 Milliarden Menschen in
Afrika, Asien und Lateinamerika bekommen kein sauberes Trinkwasser.
Doppelt so viele leben ohne Sanitäranlagen und sind deshalb großen
gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. 130 Millionen Kinder gehen ins
Leben, ohne jemals in die Schule gegangen zu sein. Diese Zahlen sprechen
für sich.
Angesichts
dieser deprimierenden Situation haben die Regierungen aus Nord und Süd
Grundlagen für globale Armutsstrategien entwickelt. Der
Weltsozialgipfel 1995 in Kopenhagen hat dazu bedeutende Beiträge
geleistet. Die damals beschlossene „20/20-Initiative“ legt fest,
dass die Industrieländer 20 Prozent ihrer Entwicklungshilfe für
soziale Grunddienste zur Verfügung stellen, wenn die Empfängerländer
denselben Anteil ihrer öffentlichen Haushalte für diese Zwecke
einsetzen. Zu den sozialen Grunddiensten zählen: allgemeine
Schulbildung für alle Jungen und Mädchen, elementare
Gesundheitsvorsorge, Kampf dem Hunger und der Unterernährung,
Wasserversorgung und Sanitäranlagen.
Damals
in Kopenhagen waren übrigens
die Nichtregierungsorganisationen mit 2500 Basisinitiativen vertreten.
In einer Rede des amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore haben diese
privaten Hilfswerke durch die Ankündigung, dass die USA künftig 40
Prozent ihrer Entwicklungshilfe über
NRO vergeben wollen, eine überraschende Aufwertung erfahren. Damit
wurde sicher auch anerkannt, dass die Stärke dieser Organisationen in
ihrer Basisnähe liegt. Dies gilt auch für den Senegalhilfe-Verein,
dessen Arbeit als NRO durch das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung anerkannt und gefördert wird. Seine
Basisnähe ist daran abzulesen, dass er
von Anfang an seine Arbeit an den Grundbedürfnissen der Menschen
orientiert und daraus die
sozialen Grunddienste gestaltet. Welchen Beitrag kann dazu das
Landwirtschaftliche Ausbildungszentrum in Sandiara leisten?
Die
Konzeption des Ausbildungszentrums geht zurück auf eine Ausarbeitung
unseres senegalesischen Freundes Cheikh Ndiaye, der schon lange mit der
Arbeit des Senegalhilfe-Vereins vertraut ist und als Dipl.
Agraringenieur über die fachlichen Voraussetzungen einer solchen
Aufgabe verfügt. Zur Zielgruppe der Auszubildenden gehören junge
Menschen, die in den Dörfern der Region von Sandiara und darüber
hinaus leben und dort eine vorhandene Landwirtschaft
weiterführen, oder möglicherweise in Kooperation mit anderen,
eine landwirtschaftliche Produktion neu aufbauen möchten. Grundsätzlich
soll den Schülern in neun Monaten eine praxisbezogene Ausbildung
vermittelt werden. Die theoretische Ausbildung begleitet jeweils die
praktische Arbeit und Erfahrung in folgenden drei Bereichen: Gemüseanbau,
Bullenmast und Hühnerhaltung. Für den Gemüseanbau steht eine Fläche
von 1,5 Hektar zur Verfügung. Die Bullenmast hat eine Kapazität von
maximal 20 Plätzen. Die Hühnerfarm kann 500 Legehühner und 500
Fleischhühner aufnehmen. Der landwirtschaftliche Betrieb, in dem vor
allem die Schüler die notwendigen Arbeiten verrichten, soll auf Dauer
auch die Kosten der Schule finanziell tragen. Folgende Ziele werden mit
diesem Ausbildungsangebot verfolgt: 1. Die Schüler sollen optimale, aber auch umweltverträgliche
Formen des Gemüseanbaus kennen lernen, um damit einmal in eigener
Verantwortung die Ursachen des Hungers zu bekämpfen und der Mangelernährung
entgegenzuwirken. 2. Dabei spielt der sparsame und rücksichtsvolle Umgang mit dem
Wasser eine wichtige Rolle. Die Benutzung des Tiefbrunnens schließt die
Verantwortung für die Erhaltung des Grundwasserspiegels mit ein. Es
werden auch praktische Möglichkeiten der Verbesserung der
Trinkwasserqualität vermittelt.
3. In der Tierhaltung lernen die Schüler alle Voraussetzungen
kennen, die für die Pflege, die Gesundheit und die Ernährung der Tiere
wichtig sind. 4. An der Solaranlage des Zentrums, die das Internat und den
Unterrichtsbereich mit Strom versorgt, erfahren die Schüler, welche
Methoden der Energiegewinnung sinnvoll und auch im privaten Bereich
anwendbar sind. 5.
Lehrer und Schüler sollen
in gemeinsamen Beratungsgesprächen planen, in welcher Weise die in der
Ausbildung vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten in die dann folgende
praktische Arbeit in den Heimatdörfern umgesetzt werden können.
Kredite und Zuschüsse sind zur Existenzgründung vorgesehen. 6.
Der Unterricht soll auch Fragen der Vermarktung der Produkte und
Kenntnisse der Kassen- und Rechnungsführung vermitteln. Das Zentrum in Sandiara ist noch im Aufbau begriffen. Sowohl der Lehrplan als auch der landwirtschaftliche Bereich müssen nach den Erfahrungen des ersten Ausbildungsjahres überprüft werden. Grundsätzlich befindet sich die Entwicklung des Zentrums auf einem positiven Weg, der unseren Erwartungen und Zielvorstellungen entspricht. Letzten Endes geht es darum, dass hier ein kontinuierlicher Beitrag zur Sicherung der Ernährung der Bevölkerung geleistet wird und junge Menschen den Mut gewinnen, in ihren Dörfern zu bleiben und sich mit ihrer ganzen Existenz dieser Aufgabe zu stellen. Karl Heinrich Beck
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Interview
mit Frau Ursula Jung, Stellvertretende
Vorsitzende des Senegalhilfe-Vereins e. V.
1.
Frau Jung, Sie waren von Anfang dabei, als die Idee entstand, den
Menschen
Bei
einem Urlaub 1982 in Senegal zusammen mit meinem Mann und Familie Racké
stellten wir den großen Unterschied zwischen dem luxuriösen Hotelleben
und der Realität im Land fest. Insbesondere ein Besuch des Lepradorfs
Mballing zeigte uns die Not und die völlig unzureichende Versorgung der
Leprakranken. Diese Erfahrungen ließen uns zu Hause nicht mehr los.
2.
Seit Gründung des Senegalhilfe-Vereins im Jahre 1985 sind Sie
die stellvertretende Vorsitzende und haben in dieser Funktion miterlebt,
wie sich in diesen 15 Jahren die Arbeit in Senegal oder auch in
Deutschland entwickelt hat. Welches sind nach Ihrer Sicht die
wichtigsten Phasen in der Entwicklung der Projekte?
Zunächst
begannen wir mit humanitärer Hilfe. Wir versorgten die Krankenstation
des Lepradorfes mit dem notwendigsten Verbandsmaterial, mit Medikamenten
und Instrumenten. Dann lernten wir Khady Gueye kennen. Sie war selbst
behindert und hatte den Vorsitz im
Regionalverband der Körperbehinderten in Mbour. Sie machte uns immer
wieder auf die großen Probleme der Behinderten aufmerksam. So entstand
in Mbour das erste von insgesamt drei Behindertenzentren mit Lehrwerkstätten,
Kindergärten und einer Krankenstation.
Eine
wichtige Aufgabe unserer Behindertenarbeit in Senegal ist die
handwerkliche Ausbildung, die Integration in die Gesellschaft und
dadurch die Erhöhung des Selbstwertgefühls der motorisch behinderten
Jugendlichen.
Es
folgten im Laufe der Jahre noch viele Hilfsprojekte unter dem Aspekt
„Hilfe zur Selbsthilfe“, wie z. B. der Bau eines Flüchtlingsdorfes,
einer Marmeladenfabrik, eines landwirtschaftlichen Ausbildungszentrums.
Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, für die Leitung unserer
verschiedenen Projekte senegalesische Mitarbeiter zu finden, welche
inzwischen eine gute und verantwortungsvolle Arbeit leisten.
3.
Was liegt Ihnen besonders am Herzen und wie gestaltet sich ihr
persönliches Engagement?
Mein
ganz persönliches Engagement gilt den Behinderten. Auch liegt mir die
Betreuung der Patenschaften für Schulkinder und besonderer Problemfälle
am Herzen. Gerne kümmere ich mich auch um die Herstellung von
Batikarbeiten in unseren Werkstätten und deren Vertrieb in Deutschland. 4.
Welche Wünsche haben Sie für die zukünftige Entwicklung des
Senegalhilfe-Vereins?
Ich
wünsche mir, dass wir auch in Zukunft mit Hilfe unserer vielen Spender
die Arbeit in Senegal wie bisher durchführen können. Außerdem hoffe
ich, dass es uns gelingt, jüngere engagierte Mitarbeiter und Mitglieder
in Deutschland zu gewinnen, um auch in Zukunft eine gute Arbeit für die
Menschen in Senegal leisten zu können.
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